Jena Horizontale 2011 – Eine einzige Qual

Bärti war auch wieder mit dabei.

Bärti war auch wieder mit dabei.

Trotz dem ich mir im letzten Jahr bei der Jubiläumshorizontale mehr oder weniger starke Blessuren zuzog und während der Wanderung eigentlich auch feststand, dass ich mir diese Strapazen nicht ein zweites Mal antun werden, entschied ich mich zusammen mit Anne und Kersten auch in diesem Jahr für die Horizontale. Pünktlich am 01.03.2011 meldete ich mich für den totalen Wahnsinn Teil 2 an ;). Es dauerte nur wenige Tage bis alle 850 Startplätze vergeben waren. Da ist es doch sinnvoll, sich im Vorfeld Gedanken über die Teilnahme zu machen.

Der Vorteil bei der zweiten Teilnahme ist, dass man zumindest weiß worauf man sich einlässt.  So wusste ich, dass es für mich nicht alleine ums ankommen geht. Diese Aufgabe habe ich ja bereits im letzten Jahr erfolgreich gemeistert. Da ich 2009 und 2010 immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte, wanderte ich die letzten 100 km ohne groß trainiert zu haben. Ab Oktober 2010 trainiere ich nun wieder regelmäßig und so stand in diesem Jahr die Frage, welches Ziel verfolge ich mit meiner diesjährigen Teilnahme?

Kurz vorm Start.

Kurz vorm Start.

Absolvierten wir die 100 km im letzten Jahr noch zu dritt, entschieden wir uns dieses Mal dafür, dass jeder für sich wandert und wir dann sehen was passiert. Mein Ziel war nicht sehr groß gesteckt. Ich machte mir lediglich Gedanken darüber, wie schnell ich wohl wandern kann. Eine Zeit unter der vom letzten Jahr wäre wohl das Mindeste. Also Zeit unter 19:55:05 h und dann gucken was geht und ob überhaupt noch was geht ;). Klar war nur: Je schneller ich gehe, desto schneller ist die Quälerei vorbei ;).

Da ich mir für den Freitag frei nahm, blieb genügend Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, was ich auf der Strecke benötigen könnte und was ich davon auch wirklich mitnehmen will. Schließlich müssen diese Sachen die ganze Zeit transportiert werden. Trotz dem der Wetterbericht schon seit Tagen von leichten Regenschauern sprach, entschied ich mich gegen die schwere Regenjacke und nahm dafür lieber ein trockenes Ersatzshirt mit. Ansonsten war mein Rucksack mit fast den gleichen Sachen gefüllt wie im letzten Jahr: Langarmshirt, Fleecejacke und Stirnlampe für die Nacht; GPS-Gerät damit ich nicht vom rechten Weg abkomme; Energieriegel, Fruchtschnitten und drei Liter Trinkblase gefüllt mit Wasser für den kleinen Hunger zwischendurch; MP3-Player und Kopfhörer für ein eventuelles Stimmungstief; KK-Karte, EC-Karte und Bargeld für den Notfall. Zur Belustigung anderer Wanderer nahm ich wieder mein rotes Blinklicht und zusätzlich ein paar Knicklichter, welche ich mir in die Netztasche an der rechten Seite meines Rucksacks steckte, mit. Ansonsten machte ich mir keine großen Gedanken darüber, was ich wohl anziehe. Mein Wanderkleiderschrank bietet noch nicht so viel Auswahl. So ging ich unverändert zum letzten Jahr mit einer langen Wanderhose, Funktionsshirt, Wandersocken und hohen festen Wanderschuhen an den Start.

Der Rucksack war gepackt und alle weiteren Vorbereitungen abgeschlossen. Nun erfolgte der obligatorische Versuch ein Schläfchen zu machen. Zwei Stunden plante ich dafür ein. Nach einer Stunde brach ich diesen Versuch aber ab. Ich war mehr als ausgeruht und wollte einfach nur noch auf die Strecke. Völlig unerwartet traf dann auch noch die kleine Bodencrew (bestehend aus einer Person) bei uns ein. Vielen Dank an dieser Stelle für die Fotos J.

Pünktlich 17 Uhr fuhren wir zum USV-Sportgelände, um unsere pCards registrieren zu lassen. Wie gesagt, versprach der Wetterbericht  nichts Gutes, aber es sollte dann doch anders kommen. Bei  zwar bewölktem, aber dennoch trockenem Himmel ließen wir uns auf dem Rasen nieder und beobachteten andere Teilnehmer und dessen Ausrüstungen. Wieder wurden Spekulationen darüber geäußert, wer es wohl schafft und wer nicht. Irgendwie muss man sich die Zeit bis zum Start ja vertreiben ;).

Gleich werden die Massen auf die Strecke gelassen.

Gleich werden die Massen auf die Strecke gelassen.

Die Zeit verging wie im Flug und ich wurde -warum auch immer- sichtlich nervös. Ich weiß nicht recht warum, aber wahrscheinlich lag es daran, dass die 100 km trotz aller Vorbereitung erst einmal gewandert werden müssen und auf der Strecke auch unvorhergesehene Dinge passieren können. Kurz vor 18:00 Uhr sprach der Oberbürgermeister noch die üblichen Worte und gab den Start schließlich frei. Spätestens ab diesem Moment waren alle noch so kleinen Ängste des Scheiterns verdrängt und ich freute mich auf die Wanderung. Ein letztes „Viel Erfolg“ an Anne und Kersten und ab ging die Post.

Wie wir es geplant hatten war Kersten nach einigen 100 Metern nicht mehr gesehen. Sein Ziel war eine Zeit zwischen 13 und 15 Stunden und somit viel zu schnell für Anne und mich. Ob er dieses Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, könnt ihr hier im Detail nachlesen. Da ich ebenfalls von Anfang an ein recht ordentliches Wandertempo vorlag, welches Anne nicht gehen konnte, waren wir also von Beginn an auf uns alleine gestellt. Nach ca. zwei Kilometern fragte mich ein Weggefährte, ob es sich bei der von ihm gezeigten Markierung um die richtige handelt? Ich konnte bejahen und so kamen wir ins Gespräch. Ich erfuhr, dass es sich um den Ultra-Läufer Jörg Koenig handelt, welcher unter anderem mehr als 340 Marathons finishte, zweimal erfolgreich beim Deutschlandlauf teilnahm und beim 6-Tage-Lauf in Erkrath 2007 mit 676,590 km einen neuen deutschen Rekord in der M55 aufstellte. Kurze Zeit später musste ich ihn ziehen lassen. Es sollte aber nicht unser letztes Aufeinandertreffen gewesen sein.

Weiter ging es im zügigen Schritt bis zur ersten Verpflegungsstelle in Wogau. Hier versuchte ich dann auch das erste Mal telefonisch mit Anne in Kontakt zu treten, was mir allerdings nicht gelang, da, wie sich später herausstellte, ihr Mobilfunkgerät zu Hause warm und trocken auf dem Wohnzimmertisch verweilte –shit happens. So konnte ich nur hoffen, dass es ihr gut geht.

Insgesamt hielt ich mich in Wogau nicht allzu lange auf. Ich trank ein wenig Cola und Wasser und verschwand nach kurzer Zeit mit meinem Verpflegungsbeutel in Richtung Kunitzburg. Im letzten Jahr verpasste ich es im Vorfeld noch eine Kleinigkeit zu essen und bekam demzufolge schon früh Hunger. Aus diesem Fehler hatte ich gelernt, und so konnte ich Apfel, Wurst, Brötchen, Riegel und Schokolade erst einmal im Rucksack verstauen. Die Bretzel aß ich noch vor dem Anstieg zum Hufeisen. Oben angekommen verspürte ich dann doch den Drang nach  etwas Essbarem und so kramte ich die verstauten Lebensmittel wieder hervor. Noch bevor es hinunter nach Kunitz ging, musste ich meine Nachtausrüstung (Stirnlampe, Fleecejacke und Blinklicht) anlegen. Beim Abstieg lief ich auf zwei Männer auf, bei denen einer der beschriebene Ultraläufer vom Anfang war. In Kunitz angekommen führten wir unser Gespräch vom Anfang fort. Nach Zwätzen überkam mich ein wenig die Müdigkeit, aber Jörg konnte mich mit seinen interessanten Geschichten bei Laune halten. Und so kam es, dass wir bis zum zweiten Verpflegungspunkt an der Papiermühle zusammen blieben.

Zu meiner Überraschung gab es schon hier Kaffee, welchen ich dankend annahm. Anschließend trank ich noch eins, zwei Becher Cola und Wasser und dann zog ich auch schon weiter. Da es meinen Beinen noch ganz gut ging, wollte ich nicht so viel Zeit verlieren. Ich wusste, dass die Strecke in den nächsten Kilometern bergauf führt, deshalb verstaute ich meinen Verpflegungsbeutel wieder im Rucksack. Nach der Papiermühle war ich die meiste Zeit auf mich alleine gestellt. Ab und zu traf ich auf andere Teilnehmer, welche aber entweder zu schnell oder zu langsam waren. So wanderte ich vor mich hin und ich fing das erst Mal an zu rechnen. Nach kurzem hin und her würde ich wohl bei ca. 15 Stunden landen, wenn ich so weiter laufe. Diese Nachricht baute mich auf und so konnte ich mich trotz Einsamkeit und Dunkelheit einigermaßen motivieren.

Diese Euphorie war aber leider nicht von Dauer. Plötzlich befand ich mich abseits des Weges. Zumindest war mein GPS-Gerät (Garmin) der Meinung. Hm… also suchte ich nach Markierungen und fand diese auch. Also doch auf dem richtigen Weg? Ich fing an zu zweifeln. Ich erblickte immer mehr Weiß-Rot-Weiß-Markierungen, welche dafür sprachen, dass ich mich eindeutig auf dem richtigen Weg befinden muss. Also ging ich weiter. Schlecht an der ganzen Sache war nur, dass der von mir eingeschlagene Weg deutlich länger war als der, der auf meinem Garmin angezeigt wurde. Es vergingen gefühlte zwei Stunden bis ich mich wieder „auf Kurs“ befand. Erneut fing ich an zu rechnen und stellte fest, dass ich mich nun erheblich von der 15 Stunden Marke entfernt habe. Nun musste schnell neue Motivation her. Mir fiel nichts ein und so versuchte ich mich mit dem Verspeisen des Verpflegungsbeutels von der Papiermühle abzulenken und daraus Kraft zu schöpfen.

Das Stück nach Pösen war sehr eintönig. Ich befand mich in einem kleinen nächtlichen Tief. Mein nächstes Ziel war der Verpflegungspunkt kurz nach Pösen. Hier wollte ich wieder Kraft tanken und frisch gestärkt weiter wandern. Immer wieder schaute ich auf mein Garmin wie weit es denn noch ist. Die Kilometer kamen mir endlos vor. Umso mehr freute ich mich als ich die Landstraße nach Pösen erreichte und ich die Asphaltstraße im leichten Laufschritt hinunter socken konnte. Jetzt nur noch eineinhalb Kilometer. Da es stetig bergab ging, joggte ich immer wieder ein kleines Stückchen, sodass die Zeit etwas schneller vorüber ging.

Endlich sah ich die Unterführung der Autobahn, wo sich der dritte von vier Verpflegungsstellen befand. Es war dunkel und die Helferinnen und Helfer bereiteten sich noch auf den ganz großen Ansturm vor. Ich nahm wieder genügend Flüssigkeit zu mir und setzte mich das erste Mal auf eine Bank. Leider waren die Marmeladen- und Nutellatoaste noch nicht fertig geschmiert und so musste ich eine Scheibe Brot mit Wurst essen. Ich war einfach zu schnell. Wie sich später herausstellte, war ich nicht nur für die Marmeladen- und Nutellatoaste zu schnell sondern auch für die leckeren Waffeln, welche vom Facharztzentrum spendiert wurden. Ich nahm mir noch ein Getränk für den Weg mit und verabschiedete mich von den kurz nach mir eingetroffenen Gleichgesinnten mit einem freundlichen „bis später“.

War es in Pösen und Leutra an der Verpflegungsstelle noch Rabennacht, ging nun so langsam die Sonne auf. Endlich war die Nacht überstanden. Bis nach Maua war ich zwar immer noch alleine unterwegs, trotzdem verging die Zeit wie im Flug, da ich, wie im letzten Jahr, ein wenig mit meiner Mutter telefonieren konnte. Sie hatte erneut Frühschicht und so verabredeten wir uns schon im Vorfeld der Horizontale zu einen gemeinsamen Frühstück. Vielen Dank noch einmal an dieser Stelle.

In Maua angekommen war es bereits taghell und so hatte ich kein Problem beim Finden des Einstiegs zur Rabenschüssel. Kersten erging es da schon mehr anders, wie er uns später berichtete.

Das Teilstück zwischen Maua und der Lobdeburg bauten wir nicht in unsere Testwanderungen mit ein und so hatte ich nur schwache Erinnerungen darüber, wie der kommende Streckenverlauf war. Und er war nicht leicht. Die Rabenschüssel zog sich ordentlich in die Länge und auch das lange Stück bis zum letzten Verpflegungsstand in Sommerlinde war mehr eine riesen Qual als eine fröhliche Wanderung. Bergab versuchte ich immer wieder ein wenig zu joggen, um meine Kilometerzeiten wenigstens ein wenig im grünen Bereich zu behalten. Trotzdem schien es nur wenig zu helfen. Ich war am Ende und hatte einfach keine Lust mehr. Immer wieder wurde ich von schnelleren Wanderern überholt. Ich versuchte ihr Tempo mitzugehen. Doch es half alles nichts. Ich wurde sichtlich langsamer. Wieder fing ich an zu rechnen und mir wurde klar, dass auch eine Zeit unter 16 Stunden nicht mehr machbar war. Also musste ein neues Ziel her. Ein Ziel an dem ich mich festklammern und Kraft schöpfen konnte. Schnell dachte ich an 16:30 Stunden. Nach kurzer Überlegung hielt ich es aber für zu anstrengend. Mein neues Ziel war eine Zeit unter 17 Stunden.

Durch diese Rechnerei verging die Zeit etwas schneller. Trotzdem sehnte ich mich nach dem letzten Verpflegungspunkt. Ich hoffte auf leckeren Toast mit Marmelade und Nutella. Und den gab es dann auch. Nach dem ich meine pCard auf den Zauberkasten hielt, war ich dann aber doch zu schwach, um mir ordentlich den Bauch vollzuschlagen. Ich aß nur zwei Scheiben Toast und ruhte mich stattdessen ein wenig auf der Bank aus. Ich war einfach zu schwach, für den Weg zwischen Bank und Buffet. Nach etwa zehn Minuten der Ruhe stiefelte ich wieder los. Jetzt waren es nur noch 13 km bis ins Ziel. Endlich dachte ich und so versuchte ich aus jedem weiteren Schritt Kraft zu schöpfen. Nach dem letzten knackigen Anstieg kurz hinter der Lobdeburg ging es zum Glück mehr bergab und ich konnte wieder ein wenig joggen. Obwohl ich nicht weiß, ob eine Geschwindigkeit von neun Minuten pro Kilometer schon als joggen bezeichnet werden kann. Ich versuchte alle Schmerzen, die ich hatte auszublenden und die letzten Kilometer so schnell wie nur möglich zu absolvieren, um der Qual ein Ende zu setzen. Einen Kilometer vorm Ziel informierte ich Kersten und die kleine Bodencrew. Ich war mehr als erledigt und den Tränen nahe, als ich die letzten Meter absolvierte.

Nur noch ein kleines Stück bis zum Ziel.

Nur noch ein kleines Stück bis zum Ziel.

Trotzdem ich die meiste Zeit der Strecke auf mich alleine gestellt war, habe ich es wieder geschafft, diese 100 Kilometer zu meistern. Die Freude im Ziel war zwar groß, doch konnte ich sie so kurz nach der Ankunft nicht zeigen. Ich war einfach zu geschafft. Mit einer Zeit von 16:43:35 h blieb deutlich unter den 17 Stunden und war mehr als glücklich.

Nach einer kleinen Stärkung und frischer Dusche ging es zumindest meiner Psyche wieder den Umständen entsprechend gut. Die Physis brauchte hingegen mehrere Tage, um sich von dieser Belastung zu erholen. Am Morgen danach konnte ich mich kaum bewegen, aber im Endeffekt war es das doch wert ;).

Kurze Zeit später begrüßten wir auch Anne im Ziel. Ihren ausführlichen Bericht könnt ihr hier nachlesen.

Nun bleibt natürlich noch die Frage: Nächstes Jahr aufs Neue? Lange war ich mir unschlüssig, ob ich meinen Körper wieder so eine Belastung aussetze, doch im Endeffekt sind alle guten Dinge drei.