Jena und die Berge

Sonntag lief ich 45 min mehr oder weniger am Stück. Ich wählte eine frühe Laufzeit, damit ich Juliregen bei ihrem Testlauf mit dem Rad begleiten konnte. Es lief gut – bis darauf, dass die eine Unterführung nun doch wirklich gesperrt ist und ich waghalsig (an Bahnschienen vorbei) die A4 unterquerte. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, die Autobahn direkt zu überqueren… Aber ich bin noch jung und hänge an meinem Leben ;). Nach dieser kleinen Unterbrechung lief es dann wieder und ich war pünktlich zum Start bei Juliregen.

Nachdem ich zu Hause dann feststellte, dass mit meinen Beinen wohl wieder alles in Ordnung ist, bat ich meinem Coach um eine Fortsetzung meines Planes. Dieser war mit dem „Pseudotestlauf“ nämlich schon wieder zu Ende. Gesagt getan und so sollte ich heute 1,5 bis 2 Stunden mit dem Rad zurücklegen. Viele Möglichkeiten hat man in Jena ja nicht gerade. Eigentlich nur die: Immer der Saale nach, um nicht in den Bergen sein blaues Wundern zu erleben.

Ich entschied mich der Saale erst mal entgegen zu fahren und dann nach der Hälfte umzudrehen. Ich startete gegen halb neun bei wunderschönem Sonnenschein und Temperaturen um die 23°C. Der Wind war, wie so oft hier in Jena, sehr schwach und deshalb angenehm. Ich folgte also immer der Ausschilderung des Saaleradweges und wendete nach 25 km in Zeutsch. Die Idee an der Saale lang zu fahren war gut, aber ein „Flussradweg“ ist keine Garantie dafür, dass es immer eben ist. Ein Stück überraschte mich am Meisten. Ich glaube es war in Niederkrossen, bzw. kurz davor als es ohne große Warnung -mir ist zumindest keine aufgefallen- extrem steil bergab ging. Ganz leicht erreichte ich eine Spitzengeschwindigkeit von 63,40 km/h. Es wäre mit Sicherheit noch schneller gegangen, aber es führte in den Ort und ich hatte Angst auf irgendwelche Tröten zu treffen, die sich mir in den Weg stellen. Außerdem war ich das erste Mal dort und wusste auch nicht, wie der Verlauf der Straße sein würde. Also bremste ich scharf, sodass der Hinterreifen quietschte und rollte mit immerhin noch 50 km/h in den Ort hinein. Was für ein Erlebnis.

Nach der Wende musste ich diesen Berg ja auch irgendwie wieder hoch. Ein Schild gab sogar einen Hinweis: 10% Steigung auf den nächsten 350 m. „Na dann mal los“, dachte ich und nahm mir vor nicht abzusteigen. Oben angekommen hatte ich es  fast geschafft meinen Maximalpuls zu erreichen. 99% HFmax. Mann, war das eine Tortur. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, bin ich der Meinung, dass es entweder länger oder steiler bergan ging als das Schild beschrieb. Leider habe ich keine Uhr, die die Höhe misst. Noch nicht. Auf alle Fälle interessiert es mich wie steil der Berg wirklich war.

Nach 50 km und 01:57:03 Stunden kam ich wieder zu Hause an. Es war eine schöne Tour und ich freue mich am meisten darüber, dass mein Fahrrad ganz geblieben ist und ich nicht auf der Strecke in sich zusammenfiel. Soll ja Sportler geben, die dann um Hilfe betteln müssen, damit sie nicht den Tag mit Schieben verschwenden. Ich sag es ja immer: Besser Arm dran als Arm ab. Oder Nagetier?

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Jetzt kann gar nichts mehr schief gehen…

Kann es denn etwas Besseres geben, als mit seinem Privatcoach zusammen zu wohnen? Ich denke nicht. Aus diesen und weiteren Gründen zog ich vom wunderschönen Norden in den Mittelteil von Deutschland. Mein neues Laufrevier liegt an der Saale und ist auch wunderschön. Aber auf eine andere Art und Weise. Die fleißigen Leser ahnen sicher schon, um welche Stadt es sich handelt. Genau. Jena – die Stadt der Studenten.

Jena eignet sich hervorragend zum Laufen. Man hat die Wahl zwischen flachen Radwegen entlang der Saale und steilen Anstiegen rund um Jena. Bergtraining absolvierte ich zwar noch nicht, aber ich freue mich schon tierisch drauf. Naja mal sehen, wann ich vom Coach grünes Licht bekomme.

Ich befinde mich immer noch in der Aufbauphase und steigere ganz langsam meine Umfänge. Heute waren es wieder 30 min. Es ist schön endlich etwas längere Strecken am Stück zu laufen und dabei so richtig zu entspannen. Hier fühlt man sich auch nicht so alleine. Oft trifft man Läufer und Jogger, die freundlich grüßen.

Leider meldete sich noch einmal meine Knochenhaut und so entschloss ich mich kurz vor meiner Abreise Bodo eins, zwei Besuche abzustatten. Hoffentlich meldet sie sich nicht so schnell -besser gar nicht- wieder. Ich habe in Jena nämlich noch keinen Arzt gefunden. Ich hoffe aber, dass ich auch keinen mehr brauchen werde. Schließlich beginnt für mich hier in Jena lauftechnisch ein neuer -hoffentlich besserer- Abschnitt. Dieser Abschnitt soll nicht wieder von Arztbesuchen und Krankheiten überschattet werden. Also wünscht mir Glück, dass alles gut wird und meine Knochen heil bleiben. Aber mit dem Coach an der Seite kann ja gar nichts mehr schief gehen…

Radtour mit Hindernissen

Für Samstag war schönes Wetter angesagt und wir wollten es nutzen, um die schon seit Jahren geplante Müritzumradelung zu vollziehen. Neun Uhr sollte es mit dem Auto in Stavenhagen losgehen. Aber wie es immer so ist, verzögerte sich alles etwas und wir starteten in Waren erst kurz nach halb elf. Es ist halt nicht so einfach drei Fahrräder zum ersten mal auf einen Heckgepäckträger zu schnallen.

Nach der Horizontale vor knapp einer Woche geht es mir schon wieder recht gut. Ich denke, dass ich keine bleibenden (ausgenommen den seelischen ;)) Schäden davon getragen habe. Bei der Radtour war davon jedenfalls nichts zu merken. Waren ist eine sehr schöne Stadt, wie ich finde. Aber das finden auch andere Leute und so war die Innenstadt prall gefüllt mit Omis, Opis, Onkels und Mutanten ;). Kersten wollte ja unbedingt noch neue Pedalen kaufen und so durften wir einmal quer durchs Gerangel.

Es sollte eine ruhige schöne Radtour im gemäßigtem Tempo werden. So der Plan. Kurz nach dem Start musste ich schon eine kleinere Sprinteinheit einlegen, weil ich mal wieder zu Hause nicht auf dem Töpfchen war.

Zu dritt radelten wir ohne große Probleme bis kurz hinter Vipperow. Als wir dort auf den Feldweg einbogen, merkte ich doch tatsächlich einen kurzen Stoß am Hinterrad. Verdammt war das die Felge? Ja die Felge setzte auf. Ich hatte einen Platten. Kersten bekam davon erst nichts mit, weil er wieder vorweg fuhr. Nach kurzer Beratung legten wir fest, dass Corinna zurückbleibt und wir uns auf die Suche nach Werkzeug und Ersatzteilen machen. Im ca. fünf Kilometer entfernten Rechlin befand sich ein Hobbyshop, bei dem es auch Fahrradteile geben sollte, teilte uns ein Fahrradverleih mit. Der Fahrradverleih hatte leider kein Flickzeug bzw. 28er Schläuche mit Dunlop-Ventil.

Also düsten wir zwei weiter nach Rechlin und kauften einen Knochen, einen Schlauch und etwas Flickzeug für alle Fälle. Fünf Kilometer hin und fünf wieder zurück um dann festzustellen, dass der Knochen der letzte Schrott war. Ich musste nicht viel Kraft aufwenden um das Ding in zwei Teile zu zerlegen. Also nahm ich mir wieder Corinnas Fahrrad und düste nach Rechlin zum Hobbyshop. Dort musste ich förmlich betteln, um mein Geld ausgeben zu dürfen. Aber lest selbst:

Ich: Hallo?! [Der Laden hatte bis 13 Uhr auf und es war bereits 13:20 Uhr.]

Chef [Er war am Wischen.]: Wir haben geschlossen.

Ich: Ich habe hier vor einer halben Stunde diesen Knochen gekauft und der ist kaputt. [Ich zeigte ihm den Knochen durch die Fensterscheibe.]

Chef: Na den haben Sie ja durchgebrochen. (Gut dass er es erwähnte. Ich wäre da nicht selbst drauf gekommen.)

Ich: Ich würde den gern umtauschen. [Immernoch vor der Scheibe klebend.]

Chef: Da müssen Sie sich an den Hersteller wenden, das ist ein Fabrikationsfehler. (Na klar. Gib mal die Nummer, dann rufe ich da gleich mal an ;).)

Ich: Aber ich habe ihn hier gekauft. [Chef verschwindet und kommt nach 2 Minuten zurück]

Chef: Dann kommen Sie mal nach hinten.

Ich: Okay. [Ich wartete fünf Minuten bis mir die Angestellte öffnete, die mir den Schrott verkauft hat.]

[Sie hatte den gleichen Knochen nochmal in der Hand und wollte mir den wirklich nur austauschen].

Ich: Na den brauche ich nicht nochmal. Der bricht doch wieder durch.

Angestellte: Aber was wollen Sie dann?

Ich: Sie haben dort so einen roten Konusschlüssel. Den brauche ich.

Angestellte: Aber unsere Kassen sind schon zu.

Ich: Dann tippen Sie das Montag ein oder was weiß ich.

Angestellte: Da muss ich erst den Chef fragen. (Oh nein. Nicht der schon wieder.)

Chef [leise zur Angestellten]: Der soll am Montag wieder kommen.

Angestellte: Sie sollen am Montag wieder kommen.

Ich: Aber ich stehe jetzt im Wald. Will der mein Geld nicht? Der Laden läuft wohl zu gut?!

Angestellte [nach langem hin und her]: Warten Sie mal kurz.

[Eine dritte Person betrat den Schauplatz. Ich denke, es war die Chefin.]

Chefin: Also was gibt es hier für ein Problem?

Ich: Ich war vor einer halben Stunde hier und habe diesen Knochen gekauft. Ich hätte den gerne gegen den roten Konusschlüssel eingetauscht. Die Differenz bezahle ich natürlich.

Chefin: Hm…

Ich: Ich stehe im Wald und habe einen Platten.

Chefin: Na gut dann kommen Sie mal mit.

Das war ein Krampf kann ich euch sagen. Aber ich hatte mein Werkzeug und konnte wieder los.

Ich nach meiner zweiten Tour zum Hobbyladen

Ich nach meiner zweiten Tour zum Hobbyladen

Kersten mich schon und versuchte ein Bild zu machen. Aber ich war einfach zu schnell, so dass er es nicht hin bekam. Bei der Reparatur drehte sich eine Mutter auf der Achse mit, was zur Folge hatte, dass sich diese nicht mehr drehen lies. Die Mutter war aber auch so fest, dass ich sie ohne einen 17er Maulschlüssel nicht lösen konnte. Also nahm ich mir das Rad und düste erneut davon. Aber nur zu dem Fahrradverleih. Das waren circa 2 km hin und wieder zurück. Es geht doch nichts über ein schönes Intervalltraining ;).

Der Reifen und ich - es war nicht unser Tag

Der Reifen und ich - es war nicht unser Tag

Nach zwei Stunden Verspätung und 25 km extra war das Fahrrad wieder fahrbereit. Da wir dachten, es sei in Rechlin noch zu früh, um zu mittagen wollten wir in Ludorf einkehren. Wären wir mal in Rechlin geblieben ;). In Ludorf gab es aber nichts für uns und so fuhren wir bis nach Röbel weiter, um dort genüsslich die wohlverdiente Mittagspause einzulegen.

Unterwegs musste ich mein Rad aber doch noch mal umdrehen. Irgendwie war das Rad verrutscht. Ich wollte die Muttern auch nicht zu fest ziehen. Denn nach fest kommt ab und Muttern hatte ich nun wirklich nicht mehr bei. Ansonsten verlief die Tour ohne weitere Probleme. Besser war das auch ;).

Jetzt fehlt nur noch die Umradelung des Tollensesees. Das muss ich aber auf einen anderen Termin legen, weil ich bald meinen Laufort wechsle und dann nicht mehr so oft im schönen Norden bin.

Wandern geht auch – 100 km Rund um Jena

Am 01.03.2010 meldeten wir uns zur 25. „Horizontale – Rund um Jena“ an. Es war ja noch Zeit sich auf dieses Event vorzubereiten, dachte ich zumindest. Es sollten viele Testwanderungen über längere Distanzen stattfinden, damit uns die 100 km nicht so schwer fallen. Um es kurz zu machen: Es gab eine Testwanderung, welche aber mit 40,89 km auch nicht ohne war. Bei solchen Belastungen ist die Vorbereitung das „A“ und „O“. Für die 40,89 km hatten wir uns kaum vorbereitet. Wie denn auch? Es war die erste lange Wanderung in diesem Jahr. Am Ende war ich so was von im Ar…, dass die schöne „Gipfelcola“ wieder aus mir herausbrach. Es war ein Fehler, sich bei der Getränkeversorgung auf Anne zu verlassen. Sie braucht einfach viel weniger Flüssignahrung als ich. Wir hatten ca. zwei Liter Wasser mit. Mit Erschrecken stellte ich nach ungefähr der Hälfte fest, dass 2 Liter nicht ausreichen sollten. Sie waren schneller leer als ich „Wie viel Wasser haben wir denn mit?“ fragen konnte. Für mich war diese Testwanderung dennoch sehr hilfreich, weil ich nun weiß, dass ich für meine Versorgung selbst verantwortlich bin.

Anne und ich bei der großen Testwanderung

Anne und ich bei der großen Testwanderung

Die Woche über war Erholung angesagt und so bereitete ich mich seelisch und moralisch auf die 100 km vor. Aber glaubt mir, wer so etwas noch nicht gemacht hat, kann sich psychisch einfach nicht vorbereiten. Es hilft nur alles zu verdrängen und zu hoffen, dass es gar nicht so schlimm werden kann. So schaffte ich es auch vier Stunden vor dem Start ein Schläfchen zu machen.

20 min vor dem großen Krabbeln erhielt ich meine Chipkarte (pCard) für die Zeitmessung und musste nur noch auf Anne und Kersten warten. Beide nahmen bei der letzten Horizontale schon teil und mussten ihre nur noch aktivieren lassen. Dieser Vorgang dauerte länger und so beobachtete ich bei schönstem Sonnenschein andere Teilnehmer. Ich versuchte anhand der Kleidung und Schuhwahl auszumachen, ob sie es wohl über die volle Distanz schaffen würden. Einen sah ich mit Nike Free 3.0. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der es überhaupt bis zur Hälfte geschafft hat. Schließlich hat es die letzten Tage immer wieder geregnet und die Wege dürften sehr matschig sein.

Als Anne und Kersten dann zur Tür raus kamen und mich sahen winkte Kersten schon wie wild. Los schnell schnell zum Start. Na das kann ja was werden, dachte ich. Er „rammelte“ auch fast bis ganz nach Vorne durch. Es wurde noch schnell das ein oder andere Bild vom Starterfeld geschossen und dann hörte ich auch schon den Countdown. Bei Null suchten wir den Zauberkasten, um die pCard „abzupiepen“. Das erste Gerät wollte aber nicht und so fehlten uns gleich wertvolle Sekunden ;). Nachdem wir drei uns auf die Strecke begaben, hörte man aus vielen Richtungen so Sprüche wie: „Mir tut jetzt schon alles weh.“ oder „Wann sind wir da.“ Wir waren noch hoch motiviert und guter Dinge die hundert Kilometer auch durchhalten zu können.

Für Anne und mich stand fest: Durchhalten, egal welche Zeit. Sie musste im letzten Jahr leider bei Kilometer 42,7 aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Kersten war beim letzten Mal erfolgreich und hoffte dieses Jahr seine Zeit zu unterbieten (17:29:49 h).

Um mir keine nassen Füße und die damit folgenden Blasen zu holen, stapfte ich mit dicken Wanderschuhen ausgerüstet los. Dazu eine abzippbare Wanderhose und ein altes aber noch sehr schönes Laufshirt von Kersten. Mein Deuter Rucksack war gefüllt mit vielen leckeren Wanderbonbons, die ich mir aber auch hätte sparen können – ich nahm nur drei oder vier zu mir. Viel wichtiger und auch schwerer waren die drei Liter Wasser im Trinkbeutel. Dann schleppte ich noch eine dünne und eine etwas dickere Laufjacke, eine Stirnlampe, eine Taschenlampe, eine alte Fleecejacke und mein Glücklaufshirt mit mir rum. Hört sich erst mal viel an aber ich rechnete mit Regen und dann ist es besser, trockene Sachen zu haben. Und nachts sind zwei Lampen einfach besser als keine ;).

Ein traumhafter Blick auf Lobeda-Ost

Ein traumhafter Blick auf Lobeda-Ost

Kurz nach dem Start gab Kersten das Tempo vor. Anne und ich wollten aber wie gesagt „nur“ ankommen und so kam es, dass er nach ein paar Kilometern nicht mehr zu sehen war. Es war aber auch kein Problem, da wir auf die Hilfe seiner GPS-Uhr noch nicht so angewiesen waren. So hofften wir auf ein Wiedersehen in Zöllnitz. Nachts ist es nämlich sicherer mit Technik zu wandern. Anne war im ersten Abschnitt nicht sehr gesprächig und mein Tempo war ihr teilweise auch noch etwas zu schnell. Also entschloss ich mich ein paar Laufeinheiten zu machen, um am Wegesrand ein bisschen Ballast loszuwerden. Dabei hatte ich noch gar nicht so viel aus meinem Beutel rausgesaugt. Komisch war, dass ich bei meinem Zwischenspurt auf niemanden auflief. Aber bei so vielen rot-weiß Markierungen konnte ich nur auf dem richtigen Weg sein. Nach dem dringend nötigem Gewichtsverlust wartete ich bei ganz langsamem Wandertempo auf Anne und wurde von „Granada“ überholt. Granada war eine junge Frau mit Freizeitbekleidung und Handtasche, auf der Granada stand. Anne kannte sie flüchtig vom Studium und so war es spannend zu beobachten, ob sie die 100 km auch schafft. Für mich stand aber fest: Das wird nichts. Sie sah so aus wie gerade aus dem Hörsaal gekommen. Keine Funktionskleidung, keine Wanderschuhe und eine Lampe für die Nacht konnte ich auch nicht ausmachen. Nachdem Anne mich wieder eingeholt hatte, führten wir beide eine recht große Gruppe von Wanderern an. Oder wir hielten den Verkehr auf, denn überholen war auf dem schmalen Stück nicht sehr einfach. Diese zogen aber alle an uns vorbei, kurz nachdem wir die Autobahn unterquerten. Ja es roch schon förmlich nach dem ersten Verpflegungsstand. Ich hatte auch trotz eines Riegels schon Hunger. Memo für nächstes Jahr: >Vor der Wanderung unbedingt was essen.<

In Zöllnitz angekommen klingelte mein Handy und Kersten wollte wissen, wo wir denn bleiben. Man merkte, er hatte es eilig und wollte deswegen auch schnell weiter. Als wir am Fressstand ankamen, schnappten wir uns unsere Beutel mit vielen leckeren Sachen. Ich trank noch drei Becher Tee und dann ging es auch schon wieder los. Es soll ja Leute geben, die haben sich dort erst mal hingesetzt und die Schuhe ausgezogen. Fehlt nur noch einer, der sein Klappbett aufstellt und eine Runde schläft, dachte ich. Wir hatten dafür keine Zeit und so kehrten wir Zöllnitz den Rücken. Es ging weiter Richtung Maua.

Da wir die Strecke Maua bis Zwätzen bei der Testwanderung schon gemacht hatten, war es trotz Dunkelheit nicht so schwer zu bewältigen. Ich verstehe aber trotzdem nicht wie manche ohne Lampe auf der Rübe nachts wandern können. Zur Belustigung Vieler klemmte ich mir noch ein rotes Blinkelicht an meinen Rucksack. Nicht das mich noch einer umrennt und mich deswegen am Sieg hindert ;).

Trotz der Lampe hatte ich kurz nach Maua meinen seelischen Tiefpunkt. Die Sonne war weg, die Strecke noch lang und ich wollte mich eigentlich nur noch hinlegen. In Ammerbach sollte es Kaffee geben und dann wird das schon wieder, dachte ich. Beim Gehen rechnete ich natürlich auch immer ungefähr aus, wie weit/lange es noch bis zum nächsten Punkt ist. Für die ersten beiden Etappen kalkulierte ich jeweils vier Stunden. Nach 03:37 h waren wir schon in Zöllnitz. Also hoffte ich, dass wir vor 02:00 Uhr in Ammerbach ankommen. Meine Rechnung ging leider nur ganz knapp auf. 01:59 Uhr konnte ich meine pCard auf das Piepsgerät legen, um eine weitere Zwischenzeit zu erhalten. Anne suchte in der Dunkelheit verzweifelt ein Klo. Fand es dann aber etwas abgelegener vom Buffet. Zu essen gab es ein sehr weiches Brötchen, welches aber nach 46,2 km so was von lecker war, dass ich mir am liebsten noch eins geholt hätte. Wie schon angesprochen gab es Kaffee. Der Kaffee war wirklich sehr schön heiß. Die Tafel Schokolade habe ich mir noch für den Weg gelassen, um mich aus einer eventuell entstandenen Krise heraus zu futtern. Leider konnte ich die Wurst nicht mehr essen. Sie war einfach nicht mein Fall und deswegen steckte ich sie, in der Tüte eingewickelt, in das Seitenfach meines Rucksacks. Der Trinkbeutel wurde im Laufe der Wanderung auch schon sichtlich entleert und so füllte ich ihn wieder bis zum Rand mit Wasser. Memo für nächstes Jahr: >Die Tage vor der Wanderung unbedingt den Wasserhaushalt auffüllen.<

Ich am Montag - bei der Horizontale war es hier schon dunkel

Ich am Montag - bei der Horizontale war es hier schon dunkel

Das nächste Zwischenziel war die Papiermühle. Hier gab es in diesem Jahr zwar keinen Verpflegungsstand, aber es ist doch ein markanter Punkt auf der gesamten Strecke. Der Weg dorthin war alles andere als abwechslungsreich und so kam es, dass die Stimmung in den Keller sackte. Kersten war das Tempo zu niedrig und Anne hing etwas durch. Tja und was soll ich sagen, ich war in der Mitte. Kersten wurde es dann zu bunt/ langsam und er zog davon. Eigentlich wollten wir alle gemeinsam wandern, aber so ist es nun mal, wenn die Psyche unter Dauerstress steht. Ich versuchte Anne etwas aufzumuntern. Als wir dann endlich an der Papiermühle ankamen, siegte bei Kersten doch die Vernunft und er wartete auf uns. Ich war sehr froh, dass er bei uns geblieben ist und uns als „alter Hase“ unterstützte. Morgens kurz nach vier telefonierte ich mit meiner Mutter, um sie auf den aktuellen Stand zu bringen. Aber nicht dass ihr jetzt denkt, ich habe sie aus dem Bett geholt. Sie musste zur Arbeit und war gerade beim Frühstück. Der Aufstieg nach der Papiermühle fiel mir auch nicht so schwer wie am Montag. Ja es soll helfen nicht hungrig und durstig so eine Strecke zu absolvieren.

Fast oben angekommen, sind wir falsch abgebogen und mussten zurück. Es war eine Gabelung an der wir keine Markierung ausmachen konnten. Aber wir bemerkten es und fragten den etwas zurückgebliebenen Kersten mit seiner Zauberuhr. Schnell zurück und weiter gings auf dem richtigen Weg. Am Montag hatten wir hier oben einen wunderschönen Blick. Jetzt war alles voller Nebel und wir konnten nur die Vögel zwitschern hören, die unten in der Stadt aus ihrem Schlaf erwachten. Endlich wurde es hell und mit dem Tagesanbruch verschwanden auch alle bis dahin aufgekommenen Zweifel. Für mich stand fest, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wer die Hälfte schafft, schafft auch den Rest. So dachte ich zumindest. Ich sehnte mich nach Zwätzen. Zum Glück hat Kersten mir vor der Wanderung noch ein paar Riegel gegeben. Für den kleinen Hunger zwischendurch. Ich weiß ja wie gefährlich es ist mit leerem Magen zu laufen. Aber wieso sehnte ich mich nach Zwätzen. Das kann ich euch sagen: Ich dachte der Verpflegungsstand wäre dort. Dass ich aber noch bis nach Kunitz zur Bushaltestlle laufen sollte, erfuhr ich erst in Zwätzen. Es lag aber nicht an der Organisation, sondern einfach nur daran, dass ich mich irrte. Kann ja mal passieren ;). Irgendwie ging es Anne in Zwätzen wieder besser und sie wollte sich den „Etappensieg“ holen.

Aber ich war schneller und konnte mich am Anstieg in Kunitz absetzen ;). So ergatterte ich von uns drei den ersten beschmierten Marmeladentoast. Mann war der lecker. Leider gab es keinen Kaffee mehr. Aber ich stellte später fest, dass nur von Kaffee in Ammerbach die Rede war und ich mich also wieder einmal irrte. Ich glaube Kersten war zu dem Zeitpunkt auch schon etwas geschafft. Das erste, was er tat, war, sich auf die Bank zu setzen und sich auszuruhen. Ich wollte mich nicht setzen und versuchte stattdessen meine Beine mit Hilfe von leichten Kniebeugen auflockern. Jetzt wurden die Abschnitte zwischen den Verpflegungsständen kürzer. Nur 14,9 km bis zum Steinkreuz und dann noch mal 14,6 km bis ins Ziel. Hört sich nicht viel an. Ist es aber. Wenn man die beiden Abstände addiert kommt man auf 29,5 km. Also noch fast 30 % der gesamten Wanderung. Irgendwie war mir das gar nicht so bewusst und so wanderte ich frohen Mutes weiter in der Hinsicht, dass es nicht mehr lange dauert bis wir im Ziel sind. Hätte mir zu diesem Zeitpunkt einer gesagt, dass wir noch circa sieben Stunden unterwegs sind, wäre ich wohl nicht so fröhlich gewesen. Es waren noch zwei größere Aufstiege und zwei Abstiege zu bewältigen. Hört sich nicht viel an. Ist es aber, denn das ebene Stück dazwischen war alles andere als kurz.

Anne dachte wohl auch, dass die Wanderung „gleich“ zu Ende ist und so „spurtete“ sie zusammen mit ein paar anderen hoch zur Kunitzburg. Kersten und ich konnten bzw. wollten das Tempo nicht halten und so vielen wir etwas zurück. Oben angekommen, ging es wieder zusammen durch die doch sehr aufgeweichten Wege. Wir ließen uns dadurch aber nicht beirren und wanderten fröhlich weiter. Die Strecke bis zum Steinkreuz zog sich und unser Tempo wurde nach und nach immer unterirdischer. Irgendwie war dabei das Stück hoch zum Fuchsturm noch am angenehmsten. Ich konnte mich schön am Geländer hochziehen und dadurch meine Beine etwas entlasten. Immer wieder hörte man Leute auf der Strecke sagen, dass es nach dem Fuchsturm „kinderleicht“ sei. Es kommt ja schließlich kein richtiger Anstieg mehr. Das mit dem Anstieg mag vielleicht stimmen, aber für mich war es trotzdem das schwerste Stück der ganzen Wanderung. Ich war mental alles andere als fit. Wir wurden immer langsamer. Kersten versuchte uns aufzumuntern, indem er die Geheimwaffe rausholte. Es waren Kekse. Besondere Kekse. Kekse, die die Formen von Shaun das Schaf und seinen Begleiter hatten. Es hat uns kurz aufgebaut, aber bis zum Steinkreuz konnten wir unser Tempo nicht wieder steigern.

Endlich kam die frohe Botschaft: „Willkommen bei Kilometer 85. Ruhen Sie sich aus und dann sind es nur noch 15 Kilometer.“ Wir hatten es geschafft. Diese Pause war wirklich nötig. Insgesamt verweilten wir dort eine halbe Stunde, um wieder Kraft zu tanken. Das Buffet war wirklich traumhaft. Ich denke aber auch, dass die Ansprüche nach 85 km sehr gering sind. Am Steinkreuz kam es dann sogar noch zu einer Überraschung. Anne und ich hätten es nicht für möglich gehalten. Es setzte sich Granada neben uns. Sie sah etwas müde und irgendwie mitgenommen aus, aber sie hatte es bis zum Steinkreuz geschafft und wir waren uns jetzt sicher, sie wird es auch bis ins Ziel schaffen. Ich entschloss mich dazu, mein frisches, blaues Glückslaufshirt anzuziehen und dann ging es auch schon wieder weiter.

Kersten rechnete Anne vor, dass wir noch die Möglichkeit hatten unter 20 h ins Ziel zu kommen. Aber wir wussten, dass wir uns dafür sichtlich steigern mussten. Gesagt. Getan. Anne führte das Feld an. Ich war erstaunt. Hatte sie doch sonst auf den ebenen Abschnitten immer einbüßen müssen, musste ich mich nun arg zusammen reißen, um dran zu bleiben. Nach ein paar Minuten des Wanderns entschloss ich mich -ich musste einfach- erneut Ballast abzulegen und entleerte mich am Wegesrand. Es ist erstaunlich, was man dabei so an Zeit verliert. Es half alles nichts. Ich musste joggen, um den Rest nicht alleine zu gehen bzw. am Ende schuld zu sein, dass wir die 20 h Marke überschritten haben.

Der Weg zum Furstenbrunnen zog sich hin und wir rechneten alle wie wild, ob es reichen würde. Kersten nutzte die Zeit am Steinkreuz, um seine GPS-Uhr aufzuladen und deshalb piepte sie wieder alle 500 m. Mithilfe meiner Armbanduhr zählte ich die Sekunden und stellte immer wieder aufs Neue fest: Das wird aber eng.

Am Furstenbrunnen angekommen erwartete uns der zweite „versteckte“ Kontrolleur und ein Mitarbeiter vom Laufladen, welcher in Getränkeflaschen Brunnenwasser verteilte. Da die Flasche schön und das Wasser nicht mehr nötig war, entleerte ich die Flasche und es konnte zum „Zielspurt“ angesetzt werden. Es waren nur noch knapp 5 km. Anne und ich gingen den langen Abstieg hinab und wunderten uns, wo Kersten nur wieder steckt. Aber der hatte wirklich nichts anderes zu tun, als seine blauen Wettkampfschuhe anzuziehen und dann an uns vorbei zu laufen. Er wollte die „Ehre retten“ und unter 20 h ins Ziel kommen. Aber ich glaube, er wollte diese Dinger einfach nicht 100 km umsonst mitgeschleppt haben. Für Anne und mich stand fest, dass laufend hier nicht mehr viel geht. Die dicken Wanderschuhe ließen es einfach nicht zu.Wieder unten in Jena angekommen, merkte ich, dass das mit den 20 h vielleicht noch klappen könnte. So motivierte ich Anne und hoffte, sie hat noch die eine oder andere Reserve. Kurz vorm Ziel rief Kersten uns an und fragte wo wir denn sind. Wir waren kurz vorm Ziel und die 20 h rückten immer näher. Es wäre echt schön dieses Ziel noch zu erreichen, dachten wir.

So sollte es sein, nach 19:55:05 h Stunden waren Anne und ich im Ziel und völlig fertig.

Anne und ich kurz vor dem Ziel

Anne und ich kurz vor dem Ziel

Kersten schaffte es dank seinem Lauf in 19:32:25 h. Ist schon der Hammer, was der uns noch abgenommen hat. Im Ziel waren wir mehr als glücklich und analysierten gemeinsam unsere Füße. Ich hatte nur eine Blase unterm großen Onkel. Damit war ich sehr zufrieden.

Abends feierten wir zusammen mit Pizza im XXL Format  unseren Erfolg.

Es mag sich irre anhören, aber ich weiß jetzt schon, was ich am 01.03.2011 machen werde. Genau. Ich melde mich für den totalen Wahnsinn Teil II an ;). Denn im Ziel angekommen, war es doch gar nicht so schlimm.

An dieser Stelle möchte ich noch ein großes Lob an die Organisation los werden. Ich war schon bei vielen Laufveranstaltungen, aber die Helfer bei der Horizontale in Jena sind was Besonderes. Es ist schön, wie sie einen aufbauen und einem Mut machen. Dafür ein riesengroßes Dankeschön. Erst durch euch ist die Horizontale das geworden, was sie heute ist.